
Die Mythen zahlreicher Völker ranken sich um einen Vogel, der für Fortpflanzung, Wiedergeburt, Kraft, Unsterblichkeit, Wahrheit und Freiheit steht. Der Name Phönix geht auf das griechische phoinos zurück, was – seinem Gefieder entsprechend – rot oder auch purpurrot bedeutet. Der Phönix gilt als Wundervogel mit langer Lebensdauer, weil er sich immer wieder aus seiner eigenen Asche erneuert.
Der Phönix-Mythos erinnert an die Fähigkeit des Menschen, auch aus negativen Erfahrungen immer wieder erstarkt hervorzugehen. Wendepunkte und neue Entwicklungsphasen erfordern frische Zukunftsentwürfe, denn „Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen.“ (Erich Fromm).
„Give up to go up!“. Damit eine neue Lebenswelt entsteht, müssen liebgewordene Bestandteile der bisherigen Vita auf den Prüfstand. Den damit verbundenen Schmerz gilt es zu ertragen und zu verarbeiten. Es kommt darauf an, unbekanntes Territorium Schritt für Schritt zu entdecken und zu gestalten. Bislang verborgene Leidenschaften und Begabungen wollen erkannt und gelebt werden. Neue Erfahrungen warten darauf, gemacht zu werden. Selbstgeschaffene geistige Werke sind dafür die Basis. Für die Reflexionskunst ergeben sich hieraus drei Ziele:
1. Persönliche und zwischenmenschliche Weiterentwicklung. Betreten von Neuland und das Wagnis neuer Erfahrungen. Hebung des Kompetenz- und Tätigkeitsniveaus auf eine höhere Stufe unter Beachtung des Peter-Prinzips.
2. Neuanfang und Wiedererstarken und nach einer großen Niederlage, Befreiung von Altlasten, die eine Neuausrichtung blockieren – insbesondere hierfür steht die Redewendung „Wie Phönix aus der Asche“.
3. Transformation und Neuausrichtung der eigenen Lebensführung im Rahmen größerer Zeitabschnitte zur altersgerechten Lebensgestaltung oder zur Umstellung auf neue Lebenssituationen und veränderte Werte und Ziele.
In seinem Buch „Verluste“ (Suhrkamp 2024) beschreibt der Soziologe Andreas Reckwitz umfassend die Bedeutung des Erstarkens aus der eigenen Asche für die heutige Zeit. Er betrachtet die Moderne als eine Epoche, die sich selbst über Fortschritt definiert – und dabei systematisch verdrängt, dass Fortschritt unweigerlich neue Verluste erzeugt. Diese verdrängte Verlustdynamik prägt laut Reckwitz die zentralen Probleme und Affekte der Gegenwart. Klimakrise, ökonomische Turbulenzen, soziale Ungleichheit, Zerfall politischer Ordnungen, Aufstieg des Populismus u.a. sind nicht Ausnahmen, sondern strukturelle Nebenfolgen der Moderne.
Moderne Gesellschaften haben keine konsistente Kultur, um mit diesen Verlusten umzugehen. Reckwitz unterscheidet typische moderne Reaktionen:
– Technokratische Lösungshoffnung („Mehr Innovation löst es“)
– Nostalgische Regression („Früher war es besser“)
– Individualisierung (Karrierismus, Selbstoptimierung)
– Politisierung (Populismus, Kulturkämpfe)
Reflexionskunst versteht sich als Alternative hierzu. Ihr Ausgangs- und Zielpunkt ist die reflexiv-künstlerische Betrachtung und Bewältigung von Verlusten.
Werk und Wandel im eigenen Leben
Geschenk für unsere Tochter Malin und kleine Ansprache zum 28. Geburtstag

Einmal angenommen, ein Hellseher hätte mich vor 28 Jahren gefragt: „Kannst du dir vorstellen, was sich dein Kind zu seinem 28. Geburtstag von dir als Geschenk wünschen wird?“ „Natürlich kann ich mir das grundsätzlich vorstellen“ hätte ich geantwortet, „was soll denn daran so schwer sein, was sich junge Leute an der Schwelle zum mittleren Erwachsenenalter ebenso wünschen: ein schönes Auto, ein neues Schlafzimmer eine Weltreise, ein Startup, einen Hightech -Kinderwagen, eine Eigentumswohnung in Nürnberg – irgendwas preiswertes in der Art halt.“ Der Hellseher gebietet mir Einhalt: „Weit gefehlt, nichts von alledem, etwas wirklich preiswertes meine ich, nämlich ein Bild. “Also gut ein Bild. Ein Picasso-Original, ein echter Van Gogh oder eine Wolkenformation von Gerhard Richter kommen dann aber nicht in Frage“ antworte ich augenzwinkernd, aber vielleicht ein günstiger Nachdruck von solch einem Werk.“ „Auch das nicht“ erwidert der Hellseher, „noch viel günstiger“.
An dem Punkt gebe ich auf. Ein preiswerteres Bild als einen Nachdruck selbst von einem Kuntsgiganten kann ich mir als Geburtstagsgeschenk für meine Tochter einfach nicht vorstellen. Der Hellseher gibt mir einen letzten Tipp: „Deine Tochter wird sich ein Bild von dir wünschen, also eines ein Bild, das du selbst (!) gemacht hast. Es wird ein ethisches Prinzip ausdrücken, das vernünftig begründet ist und auf jede Lebenssituation von jedem mündigen Menschen angewendet jeden kann. Der moralische Zeigefinger wird dadurch überflüssig!“ Ich bin ratlos und sage, dass ich abwarten werde, bis der 28. Geburtstag eingetreten ist. An ein Bild von mir glaube ich eh nicht, da ich weit von eigener Bildkunst entfernt bin.
Jetzt sind die 28 Jahre vorbei und zwei Wunder sind geschehen. Wunder 1: aus unserer Tochter ist ein erwachsener und verantwortungsbewusster Mensch geworden, der sich ein Bild vom höchsten moralischen Gesetz in ihrer guten Stube aufhängen will. Wunder 2: Der Vater hat ein solches Bild fabriziert. Habt ihr eine Ahnung worum es bei diesem Bild gehen könnte?
Stellt euch vor ihr arbeitet ein Leben lang an der Beantwortung einer Frage, die für euch selbst und für alle Menschen von zentraler Bedeutung ist und schließlich findet ihr eine Antwort und die Antwort macht euch überglücklich und gibt euch eine außergewöhnliche emotionale Kraft und – obwohl ihr eigentlich ein bescheidener und zurückhaltender Mensch seid, seid ihr so ergriffen von eurer Erkenntnis, dass euch folgender Ausruf entschlüpft:
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“
Diese Aussage stammt – wer wüsste das nicht – von dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant, der im 18. Jahrhundert gelebt und wie kaum jemand vor und nach ihm an die Kraft zum mündigen Denken jedes Menschen geglaubt hat. Die Freude Kants an dem, was er den „Kategorischen Imperativ“ genannt hat, habe ich versucht in einem Bild auszudrücken. Diese Freude ist auf Malin übergeschwappt und zusammen haben wir dem Werk den letzten Schliff gegeben. Am vergangenen Freitag ist es aus der Druckerei eingetroffen und liegt noch originalverpackt vor uns.
Wir dürfen gespannt sein, was daraus geworden ist und wie es sich in deinem Wohnzimmer machen wird.
Herzlichen Glückwunsch zu deinem heutigen Geburtstag!

Erlangen, den 01. September 2025

Einen Tag später
Weitere Hinweise zu Immanuel Kant und dem Kategorischen Imperativ auf dieser Website: www.reflexionskunst.de/rmultiperspektivitaet.
Werk und Wandel in der Partnerschaft
Hochzeitsgeschenk für unseren Sohn Linus und seine Frau Marie

Nach langjähriger Partnerschaft in Jugend und frühem Erwachsenenalter vermählen sich Linus und Marie am 15. Juli 2023. Als Hochzeitsreise ist die gemeinsame Besteigung des Kilimandscharo geplant. Uns als Eltern fasziniert dieses – gemessen am Anlass sehr unkonventionelle – Vorhaben von Anfang an. Das glatte Gegenteil zum Traumurlaub an paradiesischen Stränden erwartet die beiden dort. Anstrengung und Unbequemlichkeit statt statt süßes Nichtstun und warmer weicher Sand unter den Füßen. Der sechstägige Marsch zum Gipfel in knapp 6000 m Höhe ist zwar nicht steil und auch keine Kletterpartie, aber er wird den beiden alles abverlangen. Denn der Teufel lauert im Detail: im Höhenunterschied, der zu überwinden ist; in der Fähigkeit, mit dem immer geringeren Sauerstoffgehalt fertig zu werden; im Risiko, dass der eigene Körper sich dem Höhenklima vielleicht nicht schnell genug anpassen kann. Klassische Flitterwochen jedenfalls sehen anders aus.
Das Vorhaben erinnert uns an eine Stelle im Buch Zeiten des Glücks von Anthony de Mello. Danach holt ein junges Paar, das den ewigen Bund der Ehe miteinander eingehen wollte, beim Traugespräch noch einmal geistlichen Rat ein: „Was müssen wir tun“, wollten die beiden wissen, „damit unsere Liebe von Dauer ist?“ Der erfahrene Ratgeber antwortete kurz und bündig: „Liebt gemeinsam andere Dinge!“ Die Gipfeltour zum Kilimandscharo war für uns die Fähigkeit eines Paares par excellence, sich etwas Neues, Besonderes und Herausforderndes vorzunehmen, das man gemeinsam lieben kann. Aus diesem Grund beschlossen wir, die Reise zum Thema der Hochzeitsrede bei der Feier in Selb zu machen.
Als Mutmacher für dieses Projekt haben wir unter Beteiligung von Malin für die beiden ein Bild kreiert, das ein Paar am Anfang eben jener Gipfeltour zeigt, das kurz innehält und erwartungsvoll, gespannt und auch ein wenig bange in Richtung Gipfel blickt. Sie halten kurz inne und betrachten die Landschaft vor ihnen: die Savanne, das Bergmassiv, eine kleine Elefantenfamilie; traumhafte Natur vermischt sich mit mythologisch anmutenden Gestalten; eine ältere Figur, die an einen Weisen erinnert, kehrt vom Berg zurück und kommt in größerer Entfernung auf sie zu; in den Wolken schweben kämpfende weibliche Gottheiten, die erhaben, beinahe selbstherrlich, vom Sonnengott Rawa beobachtet werden.
Den Zauber des Anfangs sollte dieses Bild ausdrücken. Die Prognose sollte es untermauern, dass dieses Paar für alle Zeiten durch das Band der Liebe verbunden bleiben würde, weil es in der Lage sei, gemeinsam andere Dinge zu lieben!

Nach der Rede haben wir das Bild gemeinsam überreicht.

Ein wunderschönes Fotobuch ist ebenfalls daraus entstanden.

Eine Reminiszenz an das Hochzeitsbild: Linus und Marie auf dem Rückweg zum Basecamp nach dem Abstieg vom Gipfel des Kilimandscharo. Die Berggötter haben ihren Kampf aufgegeben und sich wohlwollend dem Bergsteigerpaar zugewandt. Die Tour zum Kilimandscharo ist heute Teil der gemeinsamen Erfahrungsschatzes von Linus und Marie. Ein wertvoller Baustein in der Erinnerung, der das Selbstvertrauen für bevorstehende Zukunftsprojekte stärkt, für neue und noch großartigere „Dinge“, die man gemeinsam lieben kann. Sie haben den Kilimandscharo gemeinsam bestiegen, sie werden auch die kommenden Aufgaben meistern. Für diesen mutigen Blick in die Zukunft auf der Grundlage gemeinsamer geglückter Erfahrungen steht vorliegendes Bild. „The best is yet to come!“ soll es ausdrücken nach dem Song von Cy Coleman aus dem Jahr 1959.