… die Kulturtechnik par excellence
Wie nie zuvor sind wir in der modernen globalisierten Welt darauf angewiesen, unserem eigenen Leben selbst Richtung, Gestalt und inneren Zusammenhang zu verleihen und unsere berufliche Kompetenz aktiv weiterzuentwickeln. Um Veränderungen zu meistern und dem eigenen Leben einen persönlichen Stempel aufzuprägen, benutzen Menschen seit alters her das Schreiben als eine ganz private und nur für sie selbst bestimmte Form der Selbstreflexion.
Martin Walser meinte hierzu: „Wer schreibend sich verändert, ist Schriftsteller.“ Ideen und Beobachtungen, die wie Lotteriebälle in unserem Kopf herumwirbeln, bergen ein wertvolles Potenzial, wenn es gelingt, Ihrer habhaft zu werden, sie ins Leben zu rufen, sie praktikabel zu machen. Persönliche Aufzeichnungen sind eine schnelle, nur für Ihren persönlichen Gebrauch bestimmte Form, auf dem Papier zu denken.
Um die Kraft persönlicher Aufzeichnungen für sich zu nutzen, müssen Sie sich jedoch von der üblichen Form des Schreibens lösen, bei dem es auf die Präsentation fertiger, korrekter, grammatikalisch einwandfreier Gedanken ankommt. Auf Ihre persönlichen Aufzeichnungen gibt es keine Noten. Ihre persönlichen Aufzeichnungen sind per Definition nur für Sie bestimmt und nicht nach außen gerichtet. Sie machen sich diese Notizen nicht, um mit anderen zu argumentieren, sondern um sich selbst beim Denken zuzusehen.
Mit Hilfe Ihrer persönlichen Aufzeichnungen entwickeln Sie gedankliches Urmaterial, dass vielleicht in einem späteren Stadium eine vorzeigbare Gestalt annehmen kann, aber zunächst nur eigenen geistigen Rohstoff darstellt, der Ihnen zur persönlichen Weiterverarbeitung dient.
Vertrauen Sie auf Ihren Geist: wenn Sie eine Reifezeit für Ihre Ideen zulassen und in mehreren Entwicklungsstufen vorgehen, dann veredelt sich Ihr Rohmaterial im Prozess des Schreibens wie von allein. Durch diese Herangehensweise werden Sie zur Gedankenfabrik.
Im „Papyrus Lansing“, einem der ältesten überlieferten literarischen Zeugnisse um 2400 vor Christus, preist ein ägyptischer Beamter die Kunst des Schreibens, die ihm mehr bedeutete, als nur Ziegenherden zu zählen und Verträge zu fixieren, also seinen Beruf auszuüben (s. Bild rechts).

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Grundbausteine
Unser gesamter Erfahrungsschatz ist in Form von Schlüsselgedanken und Schlüsselbildern netzwerkartig im Unterbewusstsein gespeichert. Diese Wissens- und Erfahrungsnetze kann man sich wie innere Landkarten vorstellen mit einer unendlichen Zahl von Knotenpunkten, Weggabelungen, Verzweigungen, Zentren und Unterzentren. Wird einer der Knoten dieses Wissensnetzes angeknipst – d.h. richten wir unser Denken auf einen bestimmten Fokus oder Brennpunkt aus – so wird auch gleich eine Anzahl von Nachbarknoten beleuchtet, aktiviert und zu Bewusstsein gebracht. Welcher Teil unserer inneren Landkarte aktiv ist, hat entscheidenden Einfluss auf Wohlbefinden und Handlungsfähigkeit. Der Grund hierfür liegt darin, dass die innere Landkarte jedes Menschen sowohl hilfreiche als auch blockierende gedankliche Verzweigungen enthält.
So mag beispielsweise das Lob und die Anerkennung durch den Vorgesetzten das Vorstellungsnetz öffnen „Ich bin eine erfolgreiche Führungskraft“, was wiederum weitere positive Assoziationen auf den Plan ruft. Erlebt die gleiche Führungskraft hingegen einen Misserfolg und wird sie mit der Kritik ihres Vorgesetzten konfrontiert, dann wird ein entsprechend anderes Vorstellungsnetz aktiviert, indem sich die Führungskraft als unzulänglich, inkompetent und unsicher definiert. Das erste Vorstellungsnetz ist mit einer selbstsicheren Stimmung verbunden, das zweite mit einem eher melancholischen Zustand.
Menschen erinnern sich bevorzugt an solche persönlichen Erlebnisse, die mit Ihrem gerade aktiven Fokus übereinstimmen – und sie versuchen, ihr aktuelles Verhalten an diesem Fokus auszurichten. Wer also beispielsweise einen geselligen Fokus bei sich aktiviert – „Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch“ – bemüht sich, fortan diesem Fokus gerecht zu werden und verhält sich auch kontaktfreudiger.
Fordert man jemanden auf, sich doch einmal einen seiner guten Tage vorzustellen, so schätzt er sich anschließend höher ein als jemand, der sich einen schwarzen Tag seines Lebens in Erinnerung ruft.
Methoden und Workflow
Die Integrative Schreibtechnik ist ein von Dieter Hager entwickeltes Denkwerkzeug, das die methodische Grundlage der Reflexionskunst darstellt. Es hebt die strenge Trennung zwischen dem Verfassen von Text und der visuellen Strukturierung auf, wie beim herkömmlichen Schreibprozess resp. in geläufigen Mind-, Konzept- oder Kausalmapping-Verfahren üblich.
Startpunkt sind elementare Reflexionsfragen (Worum geht es? Welche Frage soll beantwortet werden?). Es folgt eine Ideensammlung in Form einer ABC-Liste oder eines assoziativen Ideen-Clusters.
Hierauf aufbauend kann ein erster Textentwurf oder die Gestaltung einer differenzierten Struktur-Map erfolgen. Beide Schreibformate befruchten sich gegenseitig und münden in einen gehaltvollen finalen Text, ein ausformuliertes (Bild-)Konzept o.ä. ein.
Es gibt keine feste Reihenfolge für die einzelnen Notizelemente. Bewährt hat sich jedoch, alle Schritte zu durchlaufen, um einen bestmöglichen gedanklichen Output zu erzielen.


Ideen-Cluster
Sie beginnen mit einem Kern, den Sie auf eine leere Seite schreiben und mit einem Kreis umgeben. Der Kern kann jeweils ein Stichwort, ein Schlüsselsatz oder eine aktivierende Frage sein. Dadurch legen Sie den Fokus Ihrer Betrachtung fest.
Die Ideen, die anschließend aus Ihrem inneren Archiv auftauchen, halten Sie möglichst knapp als Schlüsselworte fest. Lassen Sie sich einfach treiben und folgen Sie dem Strom der Gedankenverbindungen, die in Ihnen auftauchen. Schreiben Sie Ihre Einfälle rasch auf, jeden in einen eigenen Kreis, und lassen Sie die Kreise vom Mittelpunkt aus ungehindert in alle Richtungen ausstrahlen, wie es sich gerade ergibt.
Verbinden Sie jedes neue Wort oder jede neue Wendung durch einen Strich oder Pfeil mit dem vorigen Kreis. Wenn Ihnen etwas Neues oder Andersartiges einfällt, verbinden Sie es direkt mit dem Kern und gehen von dort nach außen, bis diese aufeinanderfolgenden Assoziationen erschöpft sind. Dann beginnen Sie mit der nächsten Ideenkette wieder beim Kern.
Möglicherweise erfüllt Sie diese Tätigkeit mit einem Gefühl der Ziellosigkeit oder, wenn Sie zur Skepsis neigen, mit dem Verdacht, das alles führe nirgendwo hin. Das ist Ihre irrationale Stimme, die sich einmischen und Ihnen klar machen will, wie töricht Sie sich verhalten, wenn Sie Ihre Gedanken nicht in logischer Reihenfolge niederschreiben …
Die vollständige Darstellung der Methode des Ideen-Clusters sprengt leider den Rahmen dieser Website. Mein Konzept hierfür beruht u.a. auf den folgenden Veröffentlichungen von Gabriele Rico:
1. Garantiert schreiben lernen: Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs auf der Grundlage der modernen Gehirnforschung. Rowohlt 1984.
2. Von der Seele schreiben: Im Prozess des Schreibens den Zugang zu tief verborgenen Gefühlen finden. Junfermann 1999.
3. Creating Re-creations: Inspiration From the Source. Absey & Co 2000.
Struktur-Mapping
Struktur-Maps sind grafische Werkzeuge zur Erfassung, Darstellung, Prüfung, Verarbeitung und Weiterentwicklung von Wissen. Sie dienen dazu, den Prozess des bedeutungsvollen Lernens, bei dem neue Konzepte mit vorhanden Konzepten verbunden werden, visuell darzustellen.
Struktur-Maps beinhalten Einzelkonzepte, die normalerweise in Kreise oder Kästen eingezeichnet sind, und Beziehungen zwischen Einzelkonzepten, die durch Verbindungslinien gekennzeichnet werden.
Aussagekräftige Struktur-Maps beruhen auf der Beantwortung explizit formulierter Fragen. Solche „Fokusfragen“ sind der Maßstab für die Auswertung fremder Wissendomänen, die Entwicklung eigener Konzepte oder die Überprüfung der Qualität einer bestimmten kognitiven Struktur.
Struktur-Mapping beruht auf der Assimilationstheorie von David Paul Ausubel und den darauf aufbauenden Entwicklungen des Mathematikers und Erziehungswissenschaftlers Joseph D. Novak am Institute for Human & Machine Cognition in Florida/USA.


Schreibdenken
Ideen-Cluster und Struktur-Maps sind zwar eine effektive Grundlage für die Ausformulierung einer Idee in einem Text. Aber auch das Schreiben selbst ist eine genuine Methode zur Entwicklung weiterer neuer Ideen. Die Diplom-Psychologin und Schreibcoachin Ulrike Scheuermann fasst entsprechende Erkenntnisse der Schreibforschung wie folgt zusammen:
Beim Schreibdenken gehen Schreiben und Denken eine schöpferische Verbindung ein … Der Name ist durch einen in der Sprechwissenschaft stammenden Begriff angeregt: ‚Sprechdenken‘ bezeichnet die parallele Fähigkeit von Sprechen und Denken; jemand denkt während des Sprechens schon voraus, hin zum nächsten Gedanken, zum nächsten Satz. Beim Schreiben verhält es sich ähnlich: Während man Wörter und Sätze formuliert, geht parallel das Denken schon weiter. Das ist eine großartige Fähigkeit des Menschen, die uns sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben zugute kommt (Ulrike Scheuermann: Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln). UTB 2012, S. 18).
Auf eine einmalige Art und Weise hat das Phänomen der dem Schreibprozess innewohnenden Kreativität der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg in seinem Sudelbuch zum Ausdruck gebracht:
Zur Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vortrefflich, und jeder der je geschrieben hat, wird gefunden haben, dass Schreiben immer etwas erweckt was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag.