Wage es, du selbst zu sein!
In paradiesischen Verhältnissen bedarf es keiner inneren Stärke und Robustheit, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, umso mehr jedoch im wirklichen Leben mit seinen alltäglichen Herausforderungen und historischen Krisen. In seinem Buch „Verluste“ (Suhrkamp 2024) zeigt der Soziologe Andreas Reckwitz umfassend die Bedeutung von individueller und institutioneller Widerstandskraft, Selbstregulationsfähigkeit und Selbstwirksamkeit (Resilienz) für die heutige Zeit auf. Er betrachtet die Moderne als eine Epoche, die sich selbst über permanenten Aufschwung definiert und dabei systematisch verdrängt, dass damit unweigerlich Verlusterfahrungen verbunden sind – durch die ungeplanten Folgen des Fortschritts einerseits und die exponentiell wachsenden Wohlfahrtserwartungen andererseits.
Diese verdrängte Verlustdynamik prägt laut Reckwitz die zentralen Probleme und Affekte der Gegenwart. Klimakrise, ökonomische Turbulenzen, soziale Ungleichheit, und der daraus entspringende Zerfall politischer Ordnungen, der Aufstieg des Populismus, die Zunahme von Beziehungsproblemen und psychischen Störungen u.a. sind aus dieser Sicht nicht Ausnahmen, sondern strukturelle Konsequenzen der Moderne. Moderne Gesellschaften haben keine konsistente Kultur, um mit diesen Verlusten umzugehen. Reckwitz unterscheidet typische moderne Reaktionen:
– Technokratische Lösungshoffnung („Mehr Innovation löst es“)
– Individualisierung (Karrierismus, Selbstoptimierung)
– Politisierung (Populismus, Kulturkämpfe)
– Nostalgische Regression („Früher war es besser“)
– Rückzug aus der Wirklichkeit und Aussteigertum
Reflexionskunst versteht sich als Alternative hierzu. Ihr Ausgangs- und Zielpunkt ist die reflexiv-künstlerische Betrachtung und Bewältigung von Verlusten als echtes Fundament der Resilienz. Dafür kombiniert sie Narrativität und Reflexivität. Diese Verbindung ist intellektuell fruchtbar und praxisrelevant, da wissenschaftlich fundierte Aussagen von der Anschaulichkeit von Erzählungen, Bildkunst und Metaphorik profitieren und umgekehrt künstlerische Intuition und Ästhetik durch eine solide Argumentationsbasis an Seriosität gewinnen! Narrative erhöhen die Verständlichkeit und Wirksamkeit von Theorien, Reflexivität sichert epistemische Integrität. Methodisch sauber umgesetzt führt die Verbindung zu Erkenntnissen, die sowohl glaubwürdig als auch einprägsam sind.
Insbesondere die langfristige Wirkung des Handelns auf den individuellen Lebenserfolg wie auf den gesellschaftlichen Fortschritt hängt wesentlich davon ab, inwieweit das Denken auf effektiver Reflexion aufbaut, d.h. intellektuelle, künstlerische und methodische Ressourcen so bündelt, dass daraus ein hohes Maß an produktiven Ideen entspringt. Ziel ist die Auflösung blockierender und die Entdeckung lebensförderlicher Einsichten und Narrative.
Mit Hilfe der Methodikbausteine Integrative Schreibtechnik und Kreative Bildgestaltung, sowie der Nutzung von Kulturressourcen können eigene Geistige Werke als Navigationssystem geschaffen werden, um Wandel und Erneuerung im Rahmen der objektiven Wirklichkeit zu meistern. Die Mentalen Stärken Verstehen, Dankbarkeit, Zuversicht und Staunen liefern die geistig-emotionaler Basis hierfür.


Mündigkeit als Herausforderung
Die Sprache weiß ein Lied von der Alltäglichkeit von Verlusten zu singen und hat einen wahren Reichtum an Synonymen für diesen Begriff geschaffen: Schwierigkeit, Pech, Ebbe, Mangel, Engpass, Ausfall, Flaute, Einbuße, Rückgang, Rückschritt, Rückbildung, Rückschlag, Beschwerde, Panne, Gebrechen, Schattenseite, Schönheitsfehler, Hemmnis, Abbau, Stagnation, Schwund, Entbehrung, Knappheit, Ungemach, Dilemma, Verelendung, Misere, Armseligkeit, Notstand, Krise, Schicksalsschlag, Katastrophe.
Nicht nur in kollektiver Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die individuelle Lebensführung erscheint „Verlust“ deshalb als sinnvoller Ausgangspunkt einer Philosophie der Selbstbestimmung. Verluste aktivieren das mentale System, das sich im besten Fall durch bestimmte Stärken auszeichnet, aus denen hilfreiche emotionale Energie und Handlungskraft entspringen – unabdingbare Voraussetzungen, um Verlust- im Rahmen des Möglichen in Gewinnsituationen umzuwandeln.
Die Fähigkeit, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, ist dem Menschen nun keineswegs so in die Wiege gelegt, dass sie ihm wie von selbst auf Abruf zur Verfügung stünde. Sie muss vielmehr erlernt, erarbeitet und trainiert werden. Genau darin besteht die Aufgabe einer fundierten Lehre und Kunst der Selbstbestimmung. Ein Thema, das die Menschheit nicht erst seit der Moderne beschäftigt und das auch den Dichter Gottfried August Bürger bewegte, der die berühmte Zopf-Episode selbst erdichtet und den Münchhausen-Geschichten in philosophischer Absicht hinzugefügt hat:
Ein andres Mal wollte ich über einen Morast setzen, der mir anfänglich nicht so breit vorkam, als ich ihn fand, da ich mitten im Sprunge war. Schwebend in der Luft wendete ich daher wieder um, wo ich hergekommen war, um einen größeren Anlauf zu nehmen. Gleichwohl sprang ich auch zum zweiten Male noch zu kurz und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte.
Philosophisches Fundament
Münchhausen ist zwar mutig und wagt einen zweiten Sprung, landet dann aber im Schlamm und kann sich nicht mehr frei bewegen. Der Morast engt seine Bewegungen ein. Dieser körperlichen Einschränkung im Sumpf entspricht die geistige Unbeweglichkeit im Zustand der Unmündigkeit. Ein Sumpf ist eine bodenlose Öffnung ins dunkle Erdinnere und steht im übertragenen Sinne für einen Zustand, in den das Licht der Aufklärung noch nicht vorstoßen konnte.
Den Ausgang aus dieser selbstverschuldeten Unbeweglichkeit findet der Baron, indem er sich seiner Stärke bedient und selber aus dem Morast herauszieht. Er zieht am Schmuck seines Kopfes an, worin sein Verstand sitzt – und befreit sich. Wenn also die Menschen die unabhängige Kraft ihres eigenen Denkens erkennen, dann heben sie die Kausalwirkung äußerer Einflüsse und eigener Denkgewohnheiten auf ihr Leben damit auf. So, wie Sie mit einem physischen Hebel Ihre körperliche Kraft vervielfachen können, so können Sie mit der Fähigkeit zum Selbstdenken gewissermaßen Ihr Leben aus den Angeln heben.
Die metaphorische Anspielung Bürgers in der Zopf-Episode auf die mangelnde Selbstbestimmung seiner Zeitgenossen hat ihren Bezugspunkt in einem Essay des Philosophen Immanuel Kant mit dem Titel Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? aus dem Jahr 1784. Kants Aufsatz ist ein maßgebendes Manifest der geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen Bewegung der Aufklärung. Es endet mit der dem römischen Dichter Horaz entlehnten Maxime „Sapere aude!“ (Wage es, weise zu sein!). Die Einleitung des 13-seitigen Textes lautet:
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Der Kunsthistoriker Dr. Bernhard Wiebel kommt auf der Basis langjähriger und umfangreicher Studien zu dem Ergebnis, dass in Bürgers Münchhausen auf vielfältige Weise Gedankengut der Aufklärung verarbeitet ist und postuliert, dass Bürger in der populären Zopf-Episode Kants legendäre Definition der Aufklärung in eine philosophische Parabel gekleidet hat. Drei seiner Argumente seien hier genannt:
1. Im Dezember 1784 war Kants Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ in der Berlinischen Monatsschrift erschienen. Bürger war mit Johann Erich Biester, einem der Herausgeber, befreundet und erhielt von diesem die ersten Hefte des Periodikums.
2. Im Wintersemester 1787/88 begann Bürger bereits als einer der ersten in Deutschland und als allererster in Göttingen an der Universität über die Philosophie Kants zu lesen – im zustimmenden Sinn und gegen die einheimische Front der Antikantianer.
3. Kant benutzt u.a. die Metapher des Grabens, die der Auslöser für die Wahl des Sprungmotivs und das noch prägnantere Bild des Sumpfes bei Bürger gewesen sein könnte:
Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen, und ist von der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn nie den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln, und dennoch einen sicheren Gang zu tun.
Ziele der Selbstbestimmung
Reflexionskunst will aufzeigen, wie dieser Sprung in die Zone der persönlichen Autonomie und Souveränität gelingen kann. Für die Selbstbestimmung ergeben sich hieraus für uns drei Ziele:
1. Persönliche und zwischenmenschliche Weiterentwicklung. Betreten von Neuland und das Wagnis neuer Erfahrungen. Hebung des Kompetenz- und Tätigkeitsniveaus auf eine höhere Stufe unter Beachtung des eigenen Potentials.
2. Neuanfang und Wiedererstarken und nach einer Niederlage, Befreiung von Altlasten, die eine Neuausrichtung blockieren. „Give up to go up!“. Damit eine neue Lebenswelt entsteht, müssen liebgewordene Bestandteile der bisherigen Vita auf den Prüfstand. Den damit verbundenen Schmerz gilt es zu ertragen und zu verarbeiten. Es kommt darauf an, unbekanntes Territorium Schritt für Schritt zu entdecken und zu gestalten.
3. Transformation und Neuausrichtung der Lebensführung im Rahmen größerer Zeitabschnitte zur altersgerechten Lebensgestaltung oder zur Umstellung auf neue Lebenssituationen und veränderte Werte. Bislang verborgene Leidenschaften und Begabungen erkennen und leben.

