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Geistige Werke

Reflexionskunst schafft in Co-Kreation Werke zur Inspiration und ästhetischen Gestaltung für sich selbst oder für andere. Im Anschluss an Karl Popper, dem Philosophen des „Kritischen Rationalismus“, kann man zwischen drei Bereichen der Wirklichkeit unterscheiden: einer Welt 1 der physikalisch-technischen Gegebenheiten, einer Welt 2 der mentalen Zustände und Prozesse und einer Welt 3 der geistigen Erzeugnisse des Menschen, zu der gleichfalls theoretische Systeme, Mythen, Werke der Kunst und soziale Institutionen gehören. Popper zufolge ist Welt 3 ein eigenständiges Universum, das weder rein physikalisch (Welt 1) verstanden kann, noch mit der Welt subjektiver Bewusstseinszustände (Welt 2) gleichgesetzt werden kann (Karl Popper: Three Worlds. The Tanner Lecture of Human Values. Delivered at The University of Michigan 1978).

Das Zusammenspiel von Welt 2 und Welt 3 basiert auf der Theorie, dass Welt 3 teilweise autonom ist. Zum Beispiel führt die Entwicklung wissenschaftlicher Theorien in Welt 3 zu unbeabsichtigten Konsequenzen, indem Probleme und Widersprüche von Welt 2 entdeckt werden. Ein anderes Beispiel ist, dass Lernprozesse dazu führen, dass Welt 3 Welt 2 verändert. Die Schaffung eines geistig-kulturellen Inspirationsraums ist eine kreative Leistung mit offenen (Rück-)Wirkungen auf Urheber und Publikum. Um die Bedeutung von Welt 3 zu verdeutlichen macht Karl Popper von zwei Münchhausen-Metaphern Gebrauch:

„So ziehen wir uns an unseren Haaren aus dem Sumpf des Unwissens; so werfen wir ein Seil in die Luft und steigen daran hoch – wenn es an irgendeinem noch so schwachen Zweiglein Halt findet … Wenn ich recht habe mit der Vermutung, dass wir nur durch die Wechselwirkung mit der Welt 3 (Wissenschaft und Kunst, DH) wachsen und zu einem Selbst werden, dann ist der Gedanke tröstlich, dass wir alle zu dieser Welt beitragen können …“ (Karl Popper: Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Piper 2004).

Reflexionskunst beschäftigt sich mit der subjektiven, mit der sozialen und mit der geistig-kulturellen Welt:

– Selbstreflexion: Überdenken von Lebenswelt und Identität, Entwicklung einer Lebensvision, gedankliche Umstrukturierung und Lebensrückschau.
– Gesellschaftsreflexion: Betrachtung von Zeitgeschichte, verschiedenen Kulturkreisen und sozialen Milieus.
– Kulturreflexion: Aufspüren spannender Kunst- und Kulturmomente zu Themen der Lebensführung und des sozialen Lebens.

Ein Beispiel aus der Welt der Musik

Ein Beispiel ist der romantische Gedichtzyklus „Die Winterreise“ von Wilhelm Müller und dessen Vertonung durch Franz Schubert. Bereits mit Anfang dreißig segneten sowohl der Dichter als auch der Komponist das Zeitliche, im realen Leben sind sie sich nie begegnet.

Im Vorwort des Notenbandes schreibt der Sohn von Wilhelm Müller: In alter Zeit waren Poesie und Musik unzertrennlich. Der Dichter musste auch Sänger sein und es gab weder Lieder ohne Wort, noch Worte ohne Lied. Das Bild realisiert die fiktive Idee eines gemeinsamen Auftritts der beiden Künstler.

Eine ältere Dame liebt die Vertonung des romantischen Gedichtzyklus „Die Winterreise“ von Wilhelm Müller durch Franz Schubert. Als Klavierschülerin hat sie von ihrem Onkel vor fast sechzig Jahren die Noten hierzu bekommen. Die Idee eines fiktiven gemeinsamen Auftritt der beiden Künstler war geboren. Das Bild schmückt das Musikzimmer der Besitzerin.

Werk und Wandel im eigenen Leben
Geschenk für unsere Tochter Malin und kleine Ansprache zum 28. Geburtstag

Erlangen, den 01. September 2025
Einen Tag später

Einmal angenommen, ein Hellseher hätte mich vor 28 Jahren gefragt: „Kannst du dir vorstellen, was sich dein Kind zu seinem 28. Geburtstag von dir als Geschenk wünschen wird?“ „Natürlich kann ich mir das grundsätzlich vorstellen“ hätte ich geantwortet, „was soll denn daran so schwer sein, was sich junge Leute an der Schwelle zum mittleren Erwachsenenalter ebenso wün­schen: ein schönes Auto, ein neues Schlafzimmer eine Weltreise, ein Startup, einen Hightech -Kin­derwagen, eine Eigentumswohnung in Nürnberg – irgendwas preiswertes in der Art halt.“ Der Hellseher gebietet mir Einhalt: „Weit gefehlt, nichts von alledem, etwas wirklich preiswertes meine ich, nämlich ein Bild. “Also gut ein Bild. Ein Picasso-Original, ein echter Van Gogh oder eine Wolkenformation von Gerhard Richter kommen dann aber nicht in Frage“ antworte ich augenzwinkernd, aber vielleicht ein günstiger Nachdruck von solch einem Werk.“ „Auch das nicht“ erwidert der Hellseher, „noch viel günstiger“.

An dem Punkt gebe ich auf. Ein preiswerteres Bild als einen Nachdruck selbst von einem Kuntsgiganten kann ich mir als Geburtstagsgeschenk für meine Tochter einfach nicht vorstellen. Der Hellseher gibt mir einen letzten Tipp: „Deine Tochter wird sich ein Bild von dir wünschen, also eines ein Bild, das du selbst (!) gemacht hast. Es wird ein ethisches Prinzip ausdrücken, das vernünftig begründet ist und auf jede Lebenssituati­on von jedem mündigen Menschen angewendet jeden kann. Der moralische Zeigefinger wird da­durch überflüssig!“ Ich bin ratlos und sage, dass ich abwarten werde, bis der 28. Geburtstag eingetreten ist. An ein Bild von mir glaube ich eh nicht, da ich weit von eigener Bildkunst entfernt bin.


Jetzt sind die 28 Jahre vorbei und zwei Wunder sind geschehen. Wunder 1: aus unserer Tochter ist ein erwachsener und verantwortungsbewusster Mensch geworden, der sich ein Bild vom höchsten moralischen Gesetz in ih­rer guten Stube aufhängen will. Wunder 2: Der Vater hat ein solches Bild fabriziert. Habt ihr eine Ahnung worum es bei diesem Bild gehen könnte?

Stellt euch vor ihr arbeitet ein Leben lang an der Beantwortung ei­ner Frage, die für euch selbst und für alle Menschen von zentraler Bedeutung ist und schließlich findet ihr eine Antwort und die Antwort macht euch überglücklich und gibt euch eine außergewöhn­liche emotionale Kraft und – obwohl ihr eigentlich ein bescheidener und zurückhaltender Mensch seid, seid ihr so ergrif­fen von eurer Erkenntnis, dass euch folgender Ausruf entschlüpft:

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Diese Aussage stammt – wer wüsste das nicht – von dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant, der im 18. Jahrhundert gelebt und wie kaum jemand vor und nach ihm an die Kraft zum mündigen Denken je­des Menschen geglaubt hat. Die Freude Kants an dem, was er den „Kategorischen Imperativ“ genannt hat, habe ich versucht in einem Bild auszudrücken. Diese Freude ist auf Malin übergeschwappt und zusammen haben wir dem Werk den letzten Schliff gegeben. Am vergangenen Freitag ist es aus der Druckerei eingetroffen und liegt noch originalverpackt vor uns.

Wir dürfen gespannt sein, was daraus geworden ist und wie es sich in deinem Wohnzimmer machen wird.
Herzlichen Glückwunsch zu deinem heutigen Geburtstag!

Werk und Wandel in der Partnerschaft
Hochzeitsgeschenk für unseren Sohn Linus und seine Frau Marie




Nach langjähriger Partnerschaft in Jugend und frühem Erwachsenenalter vermählen sich Linus und Marie am 15. Juli 2023. Als Hochzeitsreise ist die gemeinsame Besteigung des Kilimandscharo geplant. Uns als Eltern fasziniert dieses – gemessen am Anlass sehr unkonventionelle – Vorhaben von Anfang an. Das glatte Gegenteil zum Traumurlaub an paradiesischen Stränden erwartet die beiden dort. Anstrengung und Unbequemlichkeit statt statt süßes Nichtstun und warmer weicher Sand unter den Füßen. Der sechstägige Marsch zum Gipfel in knapp 6000 m Höhe ist zwar nicht steil und auch keine Kletterpartie, aber er wird den beiden alles abverlangen. Denn der Teufel lauert im Detail: im Höhenunterschied, der zu überwinden ist; in der Fä­higkeit, mit dem immer geringeren Sauerstoffgehalt fertig zu werden; im Risiko, dass der eigene Körper sich dem Höhenklima vielleicht nicht schnell genug anpassen kann. Klassische Flitterwochen jedenfalls sehen anders aus.

Das Vorhaben erinnert uns an eine Stelle im Buch Zeiten des Glücks von Anthony de Mello. Danach holt ein junges Paar, das den ewigen Bund der Ehe miteinander eingehen wollte, beim Traugespräch noch einmal geistlichen Rat ein: „Was müssen wir tun“, wollten die beiden wissen, „damit unsere Liebe von Dauer ist?“ Der erfahrene Ratgeber antwortete kurz und bündig: „Liebt gemeinsam andere Dinge!“ Die Gipfeltour zum Kilimandscharo war für uns die Fähigkeit eines Paares par excellence, sich etwas Neues, Besonderes und Herausforderndes vorzunehmen, das man gemeinsam lieben kann. Aus diesem Grund beschlossen wir, die Reise zum Thema der Hochzeitsrede bei der Feier in Selb zu machen.

Als Mut­ma­cher für die­ses Pro­jekt ha­ben wir unter Beteiligung von Malin für die bei­den ein Bild kre­iert, das ein Paar am An­fang eben je­ner Gip­fel­tour zeigt, das kurz in­nehält und er­war­tungs­voll, ge­spannt und auch ein we­nig ban­ge in Rich­tung Gip­fel blickt. Sie halten kurz inne und betrachten die Landschaft vor ihnen: die Savanne, das Bergmassiv, eine kleine Elefantenfamilie; traumhafte Natur vermischt sich mit mythologisch anmutenden Gestalten; eine älte­re Figur, die an einen Weisen erinnert, kehrt vom Berg zurück und kommt in größe­rer Entfernung auf sie zu; in den Wolken schweben kämpfende weibliche Gottheiten, die erhaben, beinahe selbstherrlich, vom Sonnengott Rawa beobachtet werden.

Den Zau­ber des An­fangs soll­te die­ses Bild aus­drü­cken. Die Pro­gno­se soll­te es un­ter­mau­ern, dass die­ses Paar für alle Zeiten durch das Band der Lie­be ver­bun­den blei­ben wür­de, weil es in der La­ge sei, ge­mein­sam an­de­re Din­ge zu lie­ben!

Eine Reminiszenz an das Hoch­zeits­bild: Linus und Marie auf dem Rück­weg zum Basecamp nach dem Ab­stieg vom Gip­fel des Kilimandscharo. Die Berg­göt­ter ha­ben ihren Kampf auf­ge­ge­ben und sich wohl­wol­lend dem Berg­stei­ger­paar zu­ge­wandt. Die Tour zum Kilimandscharo ist heute Teil der gemeinsamen Erfahrungsschatzes von Linus und Marie.

Ein wertvoller Baustein in der Erinnerung, der das Selbstvertrauen für bevorstehende Zukunftsprojekte stärkt, für neue und noch großar­ti­ge­re „Dinge“, die man gemeinsam lieben kann. Sie ha­ben den Ki­li­man­dscha­ro ge­mein­sam be­stie­gen, sie wer­den auch die kom­men­den Auf­ga­ben meis­tern. Für diesen mutigen Blick in die Zukunft auf der Grundlage gemeinsamer geglückter Erfahrungen steht vorliegendes Bild. „The best is yet to co­me!“ soll es ausdrücken nach dem Song von Cy Coleman aus dem Jahr 1959.

Nach der Rede haben wir das Bild gemeinsam überreicht.

Ein wun­der­schö­nes Fo­to­buch ist ebenfalls dar­aus ent­stan­den.

Auf dem Rückweg!