Um verständlich zu machen, wie der Mensch „tickt“, also welche Mechanismen sein Denken, Fühlen und Handeln bestimmen und weshalb eine selbstbestimmte Lebensgestaltung die Herausforderung menschlicher Existenz schlechthin ist, nutzen wir die Metapher der „Mentalen Landkarte“. Solange Reflexionskompetenz nicht die Führung übernimmt, legen die angestammten, hergebrachten, anerzogenen, populären, kommerziell propagierten oder virtuell implementierten Landkarten die individuelle Vorstellungswelt und Lebenspraxis fest. Aus diesem Grund halten wir eine klare Analyse der Funktion, Typen und Merkmale dieser primären Orientierungshilfen für eine entscheidende Erfolgsgrundlage eines gelingenden Lebens.
Reiter im Sturm

Der Mensch wird zum Geburtszeitpunkt ohne kognitive Orientierung in diese Welt geworfen und entbehrt gleichzeitig jeder instinktiven Grundlage für sein Überleben. Hinzu kommen – im Vergleich zum Tier – körperliche Defizite, wie mangelnde Angriffsorgane (Klauen, scharfes Gebiss), ein Körperbau, ungeeignet für schnelle und beharrliche Flucht (durch vier Beine etwa oder eine hohe Sprungkraft), sowie seine Verletzbarkeit gegenüber der Witterung durch unzureichende Behaarungsschutz.
Die physikalische Realität (das „Territorium“), die uns umgibt, unabhängig von uns existiert und über das Nervensystem vermittelt wird, ist unendlich reich, komplex und detailliert. Dazu ist sie vollkommen dynamisch und zu keinem Zeitpunkt mit sich selbst identisch. Von den Sinnesorganen kann sie nie vollständig erfasst werden. Wir haben somit keinen direkten Zugang zu „den Dingen an sich“.
In dieser Welt kann beispielsweise kein Mensch zu einem Zeitpunkt A der vollkommen gleiche sein wie zum Zeitpunkt B, das heißt, er wandelt sich ständig. Daher ist jede Aussage, die jemandem eine Eigenschaft zuschreibt und behauptet, derjenige ist so (wobei suggeriert wird, er ist , unabhängig von Zeit, immer so), im Grunde falsch.
Aus dieser Grundkonstitution ergibt sich für den Anthropologen Arnold Gehlen eine „Institutionenbedürftigkeit“ des Menschen. Darunter subsumiert er technische Werkzeuge ebenso wie Kultur, Ritual und Magie sowie die Institutionen Familie, Staat und Kirche. Technik ist – anthropologisch gesehen – „Organersatz“ bzw. „Organverlängerung“. Die unabdingbare Basisinstitution zur Orientierung in einer offenen Welt und zur gemeinsamen Lebensgestaltung in einem gesellschaftlichen Rahmen ist deshalb die Sprache. Sie ist das fundamentale Werkzeug, mit der die normativen und wirklichkeitsbezogenen Modelle geschaffen werden, die zielführendes Handeln erst ermöglichen.
Diese Modelle haben auf den ersten Blick eindeutige Vorteile:
– sie reduzieren Komplexität
– sie geben Sicherheit
– sie entlasten vom Denken
– sie stabilisieren Identität („Ich bin jemand, der immer …“)
– sie erzeugen klare soziale Erwartungen
Doch dies ist nur eine Seite der Medaille.
Orientierung durch Abstraktion
Modelle bilden das „Roh‑Geschehen“ der Welt zwangsläufig selektiv und damit stets unvollständig und hinterfragbar ab. Der polnisch-amerikanische Philosoph und Begründer der Allgemeinen Semantik Alfred Korzybski vergleicht sie daher mit geografischen Landkarten. Der Schlüsselsatz in seinem Hauptwerk Science and Sanity (1933) lautet: „Die Landkarte ist nicht das Territorium, aber wenn die Landkarte der Struktur des Territoriums ähnlich ist, ist sie brauchbar.“
Mentale Landkarten beruhen notwendig auf einer Abstraktion von den objektiven Gegebenheiten, mit denen menschliche Individuen und Gruppen jeweils konfrontiert sind. Abstraktion ermöglicht die Erstellung partieller Modelle der Wirklichkeit, zugeschnitten auf die jeweiligen Interessen ihrer Urheber. Wenn die sinnesspezifische und die sprachliche Welt jedoch die Realität nicht angemessen wiedergeben, läuft der Mensch Gefahr, von einer dysfunktionalen Landkarte in die Irre geführt zu werden.
Wie die Stufenleieter
Landkarten verleiten leicht und häufig unbemerkt zu einer Verselbständigung und Eskalation der Abstraktion. Mehr hierzu auf der Seite zur Rigidität des Denkens. Gute Abstraktion ist weder zu grob noch zu fein, weder absolut noch beliebig, weder dogmatisch noch chaotisch. Um diese erfolgsentscheidende Qualität des eigenen Denkens zu erreichen und immer wieder herzustellen, bedarf es einer besonderen Kompetenz wie der Reflexionskunst!
Das Bild rechts gibt eine Subjektive Landkarte der Provence als Sehnsuchtsort von Marianne und Dieter Hager wieder. Sie haben diese Region als junges Paar 1984 zum ersten und 2025 zum zweiten Mal bereist. Der Roman „Die Wasser der Hügel“ von Marcel Pagnol inspirierte sie ursprünglich für dieses historische Gebiet im Südosten von Frankreich. Eine bewusste subjektive Abstraktion von der Wirklichkeit.

Kartographie schafft Tatsachen

Abstraktion erzeugt Welt – nicht nur Karten. Abstraktion ist nicht nur ein Mittel, die Welt zu beschreiben. Sie ist ein Mittel, die Welt zu erzeugen. Begriffe erzeugen Kategorien, Modelle erzeugen Zusammenhänge, Normen erzeugen Verhalten, Bilder erzeugen Sichtweisen, Erzählungen erzeugen Identitäten. Wir leben nicht nur in der Welt — wir leben in den Abstraktionsprodukten, die wir über die Welt legen. Rigidität entsteht dort, wo diese Produkte unsichtbar werden.
Das Bild illustriert die Geschichte mit dem Hammer von Paul Watzlawick (s.u.). Sie handelt auf humorvolle Weise davon, wie sich Menschen im Rahmen ihrer objektiven Lebenslage durch die Art ihres Denkens ihr emotionales Erleben und ihre Lebenswelt hervorbringen. Im ersten Schritt durch die Interpretation und Bewertung der Gegebenheiten. Im zweiten Schritt durch das dem Denken entspringende Fühlen und Handeln und die daraus folgende Einflussnahme auf die eigenen Existenzbedingungen.
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommen ihm Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich.Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“ (Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein, Piper 1983).
Wie man sieht, entspricht die Funktion der Landkarte nicht immer den eigenen Wünschen – beispielsweise nach einem hilfsbereiten Nachbarn.