Wir Menschen leben nicht in der Welt selbst, sondern in den Abstraktionen, die wir von ihr bilden. Alfred Korzybski nannte diese Abstraktionen „mentale Landkarten“ – symbolische Modelle, die uns Orientierung geben, aber niemals mit dem Gebiet identisch sind, das sie darstellen. Jede Wahrnehmung, jede Bewertung, jede Entscheidung ist das Ergebnis eines vielschichtigen Abstraktionsprozesses, der zwischen uns und der Wirklichkeit steht. Abstraktion unverzichtbar ist, denn sie ermöglicht Orientierung, Kommunikation, Planung, Wissenschaft, Kunst, Moral und Kultur. Ohne Abstraktion gäbe es keine Begriffe, keine Regeln, keine Bilder, keine Geschichten. Abstraktion ist die Bedingung von Weltbezug. Doch Abstraktion ist immer auch ein Verlust, weil sie vereinfacht, glättet und häufig verzerrt. Abstraktion ist notwendig – aber selten unschuldig.
In Anlehnung an die Sprachphilosophie und die Wissenschaftstheorie unter scheiden wir zwischen fünf Aussagearten und daraus abgeleitet zwischen fünf Typen Mentaler Landkarten, die eine Stufenleiter der Abstraktion bilden. Das Spektrum menschlicher Modelle der Wirklichkeit erscheint uns damit hinreichend abgedeckt.
Die Fünf Karten des Reisenden
Anhand eines sinnbildlichen Vergleichs mit einer Reise in Neuland zeigen wir Folgenden die Spezifika der verschiedenen Formen Mentaler Landkarten auf. Die Landschaft mit ihren unterschiedlichen geologischen Strukturen als deskriptive bzw. explikative Komponente. 2. Das Reiseziel als normative Komponente. 3. Wege, die zum Ziel führen als instrumentelle Komponente. 4. Regionale Mythen und Erzählungen als metaphorische Komponente. 5. Das Reisetagebuch als subjektive Komponente. Aus meiner Sicht sind damit alle inhaltlichen Ebenen Mentaler Landkarten abgedeckt. Was fehlt, wäre ein durchgehendes visuelles Konzept bestehend aus fünf Bildern, das die Aussagemöglichkeiten von Mentalen Landkarten veranschaulicht und unterscheidbar macht!
Der objektive Typ
„Das sehe ich die Welt“
Abstraktion erster Ordnung
Zu Beginn steht unser Wanderer auf einem Felsvorsprung und blickt in ein weites Tal. Berge, Flüsse, Wälder – alles scheint klar, fest, unverrückbar, doch nichts ist unberührt von seinem Blick. Je länger er hinsieht, desto deutlicher spürt er: Dies ist nicht die Welt selbst, sondern seine erste Karte: die Stille, in der das Sein Form annimmt, eine Abstraktion seines Nervensystems, ein gefiltertes Bild des Territoriums. Er nimmt die Landschaft an, wie sie sich zeigt – wissend, dass sie schon Interpretation ist.
Drei Abstraktionsschritte werden auf dieser ersten Stufe durchlaufen:
1. Wahrnehmung
Unser Nervensystem filtert und strukturiert Reize. Was wir „sehen“, „hören“ oder „fühlen“, ist bereits eine Abstraktion der Realität. Viele Eigenschaften des Territoriums bleiben unbemerkt. Es erfolgen Gestaltbildung und Mustererkennung. Diese Ebene ist vorsprachlich, aber schon selektiv sie erzeugt das „phänomenale Feld“, auf dem Sprache operiert.
2. Benennung
Die erste sprachliche Abstraktion schafft Kategorien („Hund“, „Baum“, „Stuhl“), abstrahiert von unzähligen individuellen Eigenschaften, erzeugt die erste „Landkarte“ im einfachsten Sinn. Sie ist die Basis für Kommunikation, Gedächtnis und Klassifikation.
3. Interpretation
Dieser Abstraktionsschritt vollzieht Beschreibung und Einordnung singulärer Ereignisse sowie die Erklärung die relevanter Sachverhalte durch Theoriebildung und die Entwicklung von Weltmodellen. Interpretation ist epistemisch und nicht wertend.
Beispiele:
– „Der Hund ist ein Herdenschutzhund.“
– „Er handelt aus Angst.“
– „Das ist ein Beispiel für kognitive Dissonanz.“
– „Die Ursache ist X.


Der normative Typ
„Dorthin sollst du gehen“
Abstraktion zweiter Ordnung
In der Ferne nimmt der Reisende ein kräftiges Leuchten war, ein Ziel, das nicht aus Stein besteht, sondern aus Sehnsucht. einen Gipfel, einen Tempel, einen Ort, der ihn rief. Es zieht ihn an wie ein stiller Imperativ. Nicht die Landschaft hat es gesetzt, sein Inneres hat es entzündet. Nicht die Landschaft bestimmt diesen Punkt, sondern sein Wille, seine Werte, seine Vorstellung davon, was gut und richtig sei.
Der Reisende zeichnet das Ziel auf seine Karte – ein roter Punkt, der alles andere überstrahlt. Er weiß: Das Ziel liegt nicht in der Welt, sondern in ihm. Er steht still, zwischen Erkenntnis und Entscheidung – die Welt schweigt, doch das Ziel spricht. Das Licht fällt wie ein stiller Imperativ über die Landschaft: alles ordnet sich dem Ziel unter und strebt nach oben
Das Reiseziel repräsentiert die normative Ebene: Werte, Zwecke und Ideale, die nicht in der Landschaft liegen, sondern von uns gesetzt werden. Normative Aussagen sind evaluative Abstraktionen. Sie markieren nicht, was ist, sondern was sein soll. Sie sind selektive Hervorhebungen innerhalb der Map.
Korzybski betont, dass Werte, Ziele und Normen semantische Konstruktionen sind, nicht im Territory, sondern in der Map verankert. Sie sind korrigierbar, kontextabhängig, kulturell geprägt.
Das leuchtende Ziel steht für die Werte, die Orientierung erzeugen.
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Der instrumentelle Typ
„Wie ich ans Ziel komme“
Abstraktion dritter Ordnung
Als er weitergeht, entdeckt er Pfade, Brücken, Engstellen und Abzweigungen. Vor ihm verästeln sich Wege, wie Gedanken, die sich in die Welt einschreiben. Er beginnt Linien zu ziehen: mögliche Routen und Entscheidungen. Manche Wege sind leicht, andere gefährlich, dritte führen im Kreis.
Jeder Pfad ein Vielleicht, jede Übergang, ein Versuch. Zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, liegt die Karte des Könnens – die Karte der Mittel, der Strategien, der Handlungen. Sie zeigt ihm nicht das Ziel, sondern die Möglichkeiten, es zu erreichen.
Korzybski: „Human behavior is guided by maps of possible actions.“ Wege sind instrumentelle Abstraktionen: Sie verbinden Sein und Sollen durch Können. Sie zeigen Handlungsmöglichkeiten auf, Handlungen, die uns von einem Zustand zu einem anderen führen sollen.
Die Wege sind Mittel-Zweck-Relationen, sie zeigen die Handlungslogik der Map. Fehlerquelle: Überabstraktion (zu einfache Wege) oder Unterabstraktion (zu komplexe Wege).


Der metaphorische Typ
„So erzählen wir uns die Welt“
Abstraktion vierter Ordnung
Der Reisende in der Dämmerung am Feuer, die alte Karte auf den Knien, deren Linien sich in Gestalten aus Legenden verwandeln: ein Drache über den Bergen, ein Schloss im Nebel, eine leuchtende Frau aus Licht, ein Schatten mit Hörnern, ein Ritter auf einem geisterhaften Pferd. Die Flammen werfen warmes Licht auf die Karte, während über der Landschaft die Mythen aufsteigen — nicht als Täuschung, sondern als zweite Haut der Welt.
Mythische Figuren schweben über der Landschaft – geboren aus Erzählungen, nicht aus Erde. Diese Mythen sind für den Reisenden keine Täuschungen, sondern kulturelle Überlagerungen, die dem Land Bedeutung geben – und ihm selbst Orientierung. Er fügt sie seiner Karte hinzu, nicht als Fakten, sondern als Deutungen und Sinnschichten – vorausgesetzt, die symbolische Abstraktion ist als solche bewusst und wird nicht reifiziert. Er erkennt: im Falle der Verwechslung von Landkarte und Gebiet können Mythen beträchtliches Unheil stiften.
Hier beginnt das Erzählen: wo Bedeutung über das Sichtbare hinauswächst und die Welt sich in Geschichten spiegelt. Die Erzählkarte steht für Narrative, Allegorien und Mythen. Korzybski: „Humans live in a world of symbols, not in the world itself.“ Die Mythen zeigen die kulturelle Überlagerung: Geschichten, Symbole und kollektive Bedeutungen, die unsere Welt deuten und strukturieren.
Mythen, Erzählungen, kulturelle Narrative sind höhere Abstraktionen, die die Landschaft überlagern. Sie sind nicht per se negativ, sondern können kulturelle Orientierung, Identität oder Sinn stiften. Dies gilt für Individuen, Gruppen, Organisationen und Gesellschaften.
Hierzu zählt auch die bildende Kunst. Paul Klee meinte dazu: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“
Der subjektive Typ
„So erlebe ich die Welt“
Abstraktion fünfter Ordnung
Es ist Abend und die Berge verschwimmen im Dunst. Der Fluss glüht wie eine Linie aus Erinnerung. Unser Reisender sitzt am Feuer und schreibt. Nicht über die Landschaft, nicht über das Ziel, nicht über die Wege oder die Mythen – sondern über sich selbst: über die Spuren, die die Reise in ihm hinterließ, über seine Angst, seine Hoffnung, seine Entscheidungen, seine Irrtümer.
Er merkt: Dies ist die Karte, die ihn selbst zeichnet. Das Bewusstsein darüber, wie er die Welt sieht, und wie die Welt ihn formt. Hier endet die Reise nicht, sie wird zur Selbstbegegnung. Die Karte ist nun kein Werkzeug mehr, sondern ein Spiegel seines Ich. Er schließt das Tagebuch und weiß: Die Reise geht weiter – nicht durch das Land, sondern durch die Karten, mit denen er es versteht.
Das Reisetagebuch steht für die subjektive, autobiografische und phänomenologische Sicht. Korzybski: „We must be aware of our own abstracting.“ Der Wanderer bewegt sich damit an der Schwelle zur methodischen Selbst-, Gesellschafts- und Kultureflexion.
Das Reisetagebuch schließlich verweist auf die subjektive Reflexion: die persönliche Karte der eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Bewertungen.
Es ist die Map der Maps.
