Gedanklich Orientierung
Ausgangspunkt und Grundannahme der Reflexionskunst ist die anthropologische Prämisse, dass das Denken Wirklichkeit selektiv abbildet und auf dieser Grundlage praktisch gestaltet. Weltoffenheit und Instinktarmut des Menschen (Arnold Gehlen) erfordern zwingend normative und situationsbezogene gedankliche Modelle für ein (Über-)leben. Diese Modelle bezeichnet der polnisch-amerikanische Philosoph und Begründer der Allgemeinen Semantik Alfred Korzybski als „mentale Landkarten“. Der Schlüsselsatz in seinem Hauptwerk Science and Sanity (1933) lautet: „Die Landkarte ist nicht das Territorium, aber wenn die Landkarte der Struktur des Territoriums ähnlich ist, ist sie brauchbar.“
Der Mensch ist nicht direkt mit der realen Welt in Berührung, sondern indirekt über Sinneswahrnehmung und Sprache. Das Territorium jedoch ist unerschöpflich reich, grenzenlos komplex und unendlich detailliert. Sinneswahrnehmung und Sprache beruhen deshalb notwendig auf Abstraktion von den objektiven Gegebenheiten, mit denen menschliche Individuen und Gruppen jeweils konfrontiert sind. Die Abstraktion führt zu individuell spezifischen und ausschnitthaften Landkarten der Wirklichkeit. Wenn die sinnesspezifische und sprachliche Welt die Realität nicht angemessen wiedergibt, läuft der Mensch Gefahr, von einer dysfunktionalen Landkarte in die Irre geführt zu werden.
Praktische Gestaltung
Das Bild illustriert die Geschichte mit dem Hammer von Paul Watzlawick (s.u.). Sie handelt auf humorvolle Weise davon, wie sich Menschen im Rahmen ihrer objektiven Lebenslage durch die Art ihres Denkens ihr emotionales Erleben und ihre Lebenswelt hervorbringen. Im ersten Schritt durch die Interpretation und Bewertung der Gegebenheiten. Im zweiten Schritt durch das dem Denken entspringende Fühlen und Handeln und die daraus folgende Einflussnahme auf die eigenen Existenzbedingungen.

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommen ihm Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile.Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich.Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“ (Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein, Piper 1983).